The Virgin Suicides (1999)
Es ist mal wieder erstaunlich, was deutsche Filmverleihe aus Originaltiteln amerikanischer Filme machen. Das Buch von Jeffrey Eugenides trägt hierzulande den Titel „Die Selbstmordschwestern“, erschien 1993, sechs Jahre vor der Verfilmung. Da kann man den Titel natürlich schon mal vergessen. Wie aus „The Virgin Suicides“ dann aber „Das Geheimnis ihres Todes“ wird, wird wohl ewig ein Geheimnis bleiben.
Nichtsdestotrotz trifft der Titel den Kern des Films. Eine Gruppe pubertierender Jungen berichtet über die fünf Lisbon-Schwestern. Sie wachsen unter den strengen Augen der konservativ-katholischen Mutter und des untergeordneten Vaters auf. Nach einem Selbstmordversuch der jüngsten Schwester ändern die Eltern die Erziehungsmaßnahmen und lassen nun Besuche von Jungen zu. Auf der ersten Party der Lisbon-Schwestern ihres Lebens, nimmt sich die jüngste dieses nun endgültig.
Daraufhin kehren die Eltern zu ihrer strikten Linie zurück. Währenddessen erregt der Selbstmord des jungen Mädchens auch öffentliche Aufmerksamkeit. In der Schule werden Veranstaltungen über das Thema gehalten, was es den Schwestern nicht einfacher macht, mit ihrer schwierigen Situation zurecht zu kommen.
Um so erstaunlicher, dass es Lux (Kirsten Dunst) mittlerweile schon um einiges besser zu gehen scheint, sie trifft sich mit vielen Jungen in der Schule, welche von haarsträubenden Liebesaffären berichten – Lux hält nicht viel von den Ansichten ihrer konservativen Mutter. Dann verliebt sie sich in Trip (Josh Hartnett). der sie zum Abschlussball einladen möchte. Doch die Regeln der Eltern sehen eine solche Verabredung nicht vor. Als sich eine Gruppe Jungen dazu einspannen lässt, die anderen Lisbon Schwestern auszuführen, nimmt das Chaos einen neuen Anfang.
Als Tochter von Francis Ford Coppola wäre es verwunderlich gewesen, wenn Sofia Coppola nicht das Talent ihres Vaters geerbt hätte. Die Geschichte fokussiert sich auf die Lisbon-Schwestern, Coppola verzichtet aber darauf, detaillierte Charaktere zu erschaffen – was durch einen klugen Kniff allerdings kein Kritikpunkt ist. Denn die Geschichte wird von außen betrachtet, vier Jungen beobachten die Mädchen durch das Teleskop im Schlafzimmer von einem der vier. Die Entwicklung, die die Mädchen durchgehen, versuchen die Jungen zu verstehen, kommen aber über das Oberflächliche, was sie sehen können, nicht hinaus – so bleibt auch der Selbstmord, so viel darf bei dem Originaltitel wohl verraten werden, der fünf Schwestern unbegreiflich.
Die Mädchen leiden stark unter dem strengen Regiment der Eltern, das später soweit geht, dass die Kinder nicht mal mehr das Haus oder zumindest den Vorgarten nicht verlassen dürfen, nicht mehr zur Schule gehen und deren Eigentum weggeschmissen wird. Insofern leuchtet die Tat der Schwestern dem Zuschauer ein. Was die Mädchen am Ende jedoch inszenieren, gibt aber auch noch einen weiteren Grund für diese verstörende Tat.
Am Anschluss zum Abschlussball führt Trip Lux auf das Footballfeld, wo die beiden miteinander schlafen. Lux erwacht am nächsten Morgen allerdings ohne Notiz von Trip alleine und verlassen. Trip meldet sich nie wieder bei seiner Tanzpartnerin. Auch die übrigen Verabredungen der Schwestern melden sich wider Versprechen nicht. Die Inszenierung ihrer Selbstmorde könnte auch als Rache ans männliche Geschlecht verstanden werden.
Der Film lässt auf jeden Fall viel Spielraum bei seiner Interpretation. Darauf deutet ja auch schon der deutsche Filmtitel hin. Denn „Das Geheimnis ihres Todes“ bleibt ein Mysterium, ist dementsprechend nicht leicht zu begreifen. Ohne Zweifel wird eine zu strenge und strikte Erziehung stark kritisiert, selbst wenn diese nur als Katalysator für die furchtbaren Vorgänge wirkt. Erstaunlich ist aber das generelle Bild der Gesellschaft. In der Familie steht die Mutter (Kathleen Turner) klar über ihrem etwas weltoffenerem Mann (James Woods).Gerade Lux zeigt, dass das weibliche Geschlecht dem männlichen Pendant überlegen sein kann und das mit ganz einfachen Mitteln. Dass der Film Werbung für die Emanzipation der Frau macht, wäre aber vollkommen übertrieben. Im Vordergrund stehen die unergründlichen Naturen der Mädchen, die sich dem Zuschauer wahrscheinlich auch nicht erschließen werden. Nichtsdestotrotz bietet der Film einiges an Diskussionsstoff und ist auch ohne Spannungsmomente sehr atmosphärisch und bleibt selbst bei solch extremen Familienverhältnissen, die sicherlich überspitzt dargestellt werden, äußerst glaubhaft.
Klingt hochinteressant. Nachdem ich „Lost in Translation“ zu meinen Lieblingsfilmen zähle, hatte ich mir schon lange vorgenommen, mal wieder was von Sofia Coppola zu sehen – mein Interesse an „Marie Antoinette“ hält sich allerdings in Grenzen. Ganz im Gegensatz hierzu; die Story fasziniert mich. Ist vermerkt.
Oh Mann, „Lost in Translation“ liegt auch schon wieder etwas weiter in der Vergangenheit. Aber soweit ich mich an den Film erinnern kann, ähnelt die Erzeugung der Stimmung durchaus der Kreation derer in „The Virgin Suicides“.
Das klingt ja noch besser.
Tolles Buch, toller Film…
Ich kann immer nur wieder sagen, wie froh ich bin, dass Sofia Coppola hinter statt vor der Kamera agiert.