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Antichrist (2009)


Trauer, Schmerz, Verzweiflung – für den Zuschauer

Es gibt Filme, die spalten die Massen, dass ist auch gut so. Solche Filme bieten mal eine tolle Optik, auf die voll gebaut wird und auf eine starke Handlung auch mal verzichtet wird (siehe Avatar oder Alice in Wonderland). Lars von Trier schafft es auch ohne 3D-Effekt, dem Zuschauer ein Mittendrin-Gefühl zu geben, doch will der Unbeteiligte in diesem Fall überhaupt in die Geschichte gesogen werden? Ohne Frage, die Bildsprache, die Landschaftsbilder, die Eindrücke, die Nüchternheit und die Realität, die Antichrist auszeichnen, haben ihren Reiz. So schafft es von Trier eine gute Stunde lang, den Zuschauer wirklich in den Bann zu ziehen, ihn die Zeit vergessen zu lassen, um ihn dann aufzurütteln und regelrecht zu foltern.

Ein namenloses Ehepaar muss seinen kleinen Sohn beerdigen, da dieser aus dem dritten Stock ihrer Wohnung aus dem Fenster den wundersamen Schnee bewundernd auf den Bürgersteig stürzt. Die Harmonie, die der “Prolog” auch durch die beruhigende Musik und die verlangsamten Bilder erzeugt, wird je zerbrochen. Die Frau (Charlotte Gainsbourg) verfällt in Tiefe Trauer und Depression, sodass sie sogar ins Krankenhaus muss. Ihr Mann (Willem Dafoe), ein Therapeut, versucht sie zu heilen, ohne Medikamente, jedoch mit seinen therapeutischen Methoden. Sie muss drei Stufen der Bewältigung durchgehen, Trauer, Schmerz, Verzweiflung. Während der Therapie versucht der Mann ihre Angst zu entschlüsseln und stoßt in einem Gespräch auf den Wald “Eden”, in dem sie ihre Dissertation über den Gynozid im Mittelalter vollenden wollte. Doch in der freien Natur geschah etwas, was sie davon abhielt und nachhaltig veränderte. Um sie von ihrer Angst zu befreien, will ihr Ehemann sie mit ihrer Angst konfrontieren und sie fahren in den Wald, wo aber auch der Therapeut seltsame Vorkommnisse und Veränderung entdeckt und erlebt, bis er selbst die Kontrolle verliert und das Chaos herrscht.

Wie schon kurz angerissen, filmisch zeigt von Trier einige beeindruckende Bilder. Insbesondere der Beischlaf des Ehepaars wird im Laufe des Films stetig verfremdet, wobei natürlich schon zu Beginn, trotz der Musik, die eine Ruhe ausstrahlt, als gäbe es in diesem Moment nichts anderes für die beiden als sie selbst, die Tragik schon deutlich wird. Während des Sex, stürzt ihr Kind, dessen Aufschrei im Lustschrei der Liebenden (zumindest nach deren Gesichter zu urteilen, denn abgesehen von der Musik hört man keinen Ton) untergeht und übertönt wird. Viele Szenen sind von vollkommener Stille erfüllt, nur die Schauspieler werden von einer Handkamera recht ruckartig verfolgt, ihre Bewegungen werden nachgeahmt. Das alles wirkt handwerklich sehr ausgeklügelt. Auch die Landschaftsaufnahmen im Wald sind schlichtweg fantastisch und atemberaubend, insbesondere dann, wenn die Lichtstimmung nicht künstlich wirkt, sondern eben sehr natürlich und dadurch auch im Kontext passend.

Der Wald, die Natur: Davor hat die Frau Angst. Der Wald, die Natur, sie stehen für etwas unberechenbares, man kann die Natur nicht kontrollieren. Der Wald ist tief, voller Nebel. Die Durchsicht fehlt dem Menschen einfach, er kann den Wald nicht durchblicken. Es liegt nahe, dass der Wald für das tief im Menschen verankerte Triebleben eine Metapher bildet. Die Tiere, die dort auftauchen, ein Reh mit einem totgeborenen Kitz, ein sich selbst fressender Marder (oder so was ähnliches) und ein Rabe, sind nicht nur furchteinflößend in ihrer Darstellungsweise,  sondern eben auch unheilbringend.

In der letzten halben Stunde beginnt aber erst die Folter, nicht nur für Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg, sondern auch für den Zuschauer. Denn der wird über 60 Minuten dermaßen in den Film hineingesogen, dass die Schockelemente einem regelrecht an die Nieren gehen, den Kopf zum Verzweifeln und den Körper nicht zum Mitleid sondern schlicht Leiden animiert. Die unerschrockene Darstellungsweise wird unerträglich und übertritt wirklich jegliche Tabus. Und genau da hält von Trier die Kamera brutalst drauf. Er zeigt die Folter, die Verstümmelung, den Schmerz, das Chaos. Selbst hart gesottene Horrorfans dürften sich hier angewidert zusammenkauern.

Problematisch ist, dass in all dieser harten Flut an Ekel die Charaktere an ihrer vorherigen Tiefe verlieren, die Geschichte zurückgestellt und undurchsichtig wird. Was man zuvor zu verstehen glaubte, wird plötzlich angezweifelt. Der Wandel der Charaktere kommt abrupt, wird mehr durch Bilder erklärt als durch Worte, wodurch man einige wichtige Details sicher nicht aufnehmen und in die Überlegungen mit einfließen lassen kann. Am Ende bleibt die Frage, wie sich die Schauspieler zu diesen Rollen haben durchsetzen können? Was will von Trier nun zum Ausdruck bringen? Ist der Mensch etwa im tiefsten Innern böse? Reagiert das Chaos, wo der Verstand aussetzt? Müssen sich Frauen gegen die männliche Dominanz zur Wehr setzen oder sind sie doch Urheber allen Übels? Vielleicht sind alle Ansätze richtig oder keiner wurde auch nur ansatzweise von von Trier angedacht. Letztlich überwiegen leider die letzten 30 Minuten, die sich in den Gedanken festsetzen, doch die Aussage, die über 60 Minuten vorbereitet und angedeutet wurde, wird nichtig. So bietet der Film besten Skandalstoff, aber verliert durch sein Ende viel seiner anfänglichen Substanz, schade.

Dieser Artikel wurde von Dos Corazones geschrieben und am 17. März 2010 um 18:29 veröffentlicht. Er ist unter Drama, Film, Gesehen, Horror abgelegt und mit , , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Artikel.

6 Gedanken zu “Antichrist (2009)

  1. Hihi… ich erinnere mich daran, dich vor diesem Film gewarnt zu haben :)
    Aber ich finde, dass macht Skandalfilme immer wieder aus. Egal wie schlecht oder gut sie sind, man muss sie doch selbst sehen. Aber ich bin ja beruhigt, dass du zu dem gleichen Ergebnis kommst…

  2. Habe den Film bisher kaum beachtet, jetzt bin ich definitiv neugierig geworden…

  3. ein sich selbst fressender Marder

    Fuchs ;-)

    Ich weiß noch, wie ich aus dem Kino rausgetaumelt bin (das ein Teil des Publikums schon mitten in der Vorführung verlassen hatte). Einen Tag später saß ich dann vor dem leeren Blatt Papier (im übertragenen Sinne, immerhin sind wir Blogger :) ), und habe nach Worten gerungen, um eine halbwechs vernünftige Bespdrechung hinzubekommen. Hätte ich nicht schon einen Blog gehabt, man hätte sich direkt einen anlegen müssen, schon aus therapuetischen Gründen. :D Ich finde ja, dass von Trier über die gesamte Spielzeit immer wieder grandiose Bilder gelungen sind. Und ich habe mich damals, also nach dem Kinobesuch gefragt, wie lange es wohl dauern wird, bis ich das Verlangen verspüre “Antichrist” ein weiteres mal zu sehen. Der Tag ist noch nicht gekommen.

  4. Es gibt wohl keinen Film, bei dem selbst die negativen Rezensionen so große Lust darauf wecken, ihn zu sehen. ;-) Nach allem, was ich bisher gehört habe, bin ich echt wahnsinnig gespannt.

  5. @donpozuelo: Ja, du hattest natürlich auch recht ;-)
    @C.H.: Ach, Marder – Fuchs, wie soll man da als Laie den Unterschied erkennen? Der Tag einer Neusichtung wird wohl auch nicht kommen – zumindest nicht bei mir.
    @Christian/Dr.Borstel: Freut mich, euer Interesse gewckt zu haben. Aber sagt später nicht, andere Blogger (mich eingeschlossen) hätten euch nicht gewarnt!

  6. Pingback: Review: Antichrist (Film)

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