Ein Plädoyer an Menschlichkeit
Es muss nicht immer amerikanisches Kino aus Hollywood sein. Man braucht kein Bollywood, man braucht nicht einmal die amerikanischen Independent Regisseure zu Rate ziehen, um einen fulminanten Film zu sehen. Die holländisch-belgische Koproduktion Ben X ist ein eben solcher. Er kommt ohne große Special Effects aus, Dialoge sind nur spärlich vorhanden. Die Hauptfigur ist so vollkommen anders als die “normalen” Protagonisten und doch identifiziert man sich unweigerlich mit diesem Ben – obwohl oder gerade weil man ihn nicht verstehen kann.
Ben (Greg Timmermans) ist Autist. Die Krankheit ist unheilbar, es gibt keine Therapie. Ben lebt nicht wirklich mit seinen Mitmenschen in einer Welt, er fühlt sich missverstanden, versteht nicht, warum er anders ist, wieso die anderen ständig etwas von ihm wollen; schließlich will er ja auch nichts von ihnen. Anerkennung findet er im Onlinespiel “Archlord”, hunderttausende Mitspieler und er befindet sich mit seinem Avatar auf Level 80 – er ist stark. Im richtigen Leben führt Ben keine sozialen Kontakte. Unterhaltungen führt er alleine mit sich selbst, in seinem Kopf, der so anders denkt als wir. In der virtuellen Welt trifft er sich mit Scarlite (Laura Verlinden) und sie durchleben so manche Quest zusammen. Doch in der Schule wird er gedemütigt, ja gefoltert. Seine Mitschüler verstehen ihn nicht und da er sich nicht gegen die “Späße” der Anderen wehrt, ist er ein leichtes Opfer. Seelisch leidet er aber mit, zeigt das Außen nur, wenn er alleine ist. Seinen Wut äußert er mit einer Zerstörungsorgie – und keiner kann ihm helfen. Die Tortur wird ihm zu viel, er entscheidet, dass “Endgame” aufzunehmen, doch Scarlite will ihn davon abhalten und eigens zu Ben fahren, ohne ihn je gesehen zu haben…
Der Zuschauer leidet mit Ben, nicht nur, wenn die beiden schlimmsten Klassen”kameraden” ihm wieder das Leben zur Hölle machen. Noch ärger sind aber die Szenen, in denen Ben seiner Krankheit erliegt, sich nicht aussprechen kann, nicht auf sich aufmerksam machen kann, sich selbst nicht erklären kann. Eine der markantesten Szenen ist die am Bahnhof, wo Ben Scarlite sieht, es aber nicht schafft, sich ihr zu erkennen zu geben. Ja, man hofft auf eine glückliche Fügung, einen Zufall, der die beiden zusammen kommen lässt, der das Elend beendet. Aber dieser Moment kommt nicht, Ben leidet unter sich selbst, wie man es sich nicht vorstellen kann.
Die Schwierigkeit, diesen Charakter dem Zuschauer irgendwie nahe zu bringen, gelingt dem Film dank mehrerer Mittel. Erstens ertönen viele Monologe Bens aus den Lautsprechern. Er kommentiert die Situation und gibt dabei keine Gefühle seinerseits zu diesen preis. Außerdem verstrickt er sich in wahnsinnige Wortspielereien, die der deutschen Übersetzung nicht zum Opfer fallen. Zweitens wechselt der Film zwischen einem dokumentarischen Stil, in denen zum Beispiel Bens Eltern über eine Katastrophe sprechen, die sich in den erzählerischen Passagen mit Ben androht und dadurch unausweichlich näher rückt. Drittens bindet der Film die Spielwelt aus “Archlord” immer wieder in das reale Leben Bens ein. Wenn er wieder einmal gedemütigt wird, werden seine Peiniger als Orks oder andere Feinde dargestellt. Ben macht sich morgens vor dem Spiegel zurecht und erschafft hierbei seinen “Avatar”.
Hier kommt nun ein wirklich interessanter Aspekt des Films zum Tragen. Ben sieht uns aus anderen Augen. Wir Menschen sind nicht anders als die Alter Egos in Computerspielen. Wir kämmen uns, schminken uns, suchen unsere Kleidung so aus, dass sie uns am ehesten zusagen. Man kann (begrenzt) aussehen, wie man will. Ben lebt eher im Fantasiekönigreich als in Belgien, seine Familie, seine Schule; das ist seine Spielwelt. Zumindest erscheint es erst so – nur das die Spielwelt nicht so abläuft, wie er sich das wünscht, ohne Akzeptanz und Verständnis nämlich. Später und da soll nicht zu viel verraten werden, das muss man selbst gesehen haben, sieht man noch die wahre Welt Bens.
Ben X ist Indie-Kino aller erster Güte. Von der emotionalen Ebene kann es sich ohne Weiteres mit Darren Aronofskys Requiem for a Dream aufnehmen, auch die Präsentation, der Wechsel zwischen Spiel und Wirklichkeit und insbesondere die Vermischung beider Welten, macht einiges her. Die unbekannten Gesichter trüben den Filmspaß nicht, sie wirken unverbraucht und erfrischend, vor allem aber sind sie nicht mit Vorurteilen belastet. Dadurch bringen sie die Figuren noch authentischer rüber als durch ihr bloßes Schauspiel. Da steckt auch nicht die kleinste Statistenrolle zurück. Die Darsteller sind perfekt gecastet und auch zusammen sind sie ein wunderbares Team. So muss der europäische Film öfter in Erscheinung treten, intellektuell, emotional und tiefgründig. Denn hinter der Geschichte steckt das immens wichtige Plädoyer, jeden Menschen gerecht und mit Respekt zu behandeln und auch nicht dann auszugrenzen, wenn er so anders ist als man selbst.
Ben X ist Indie-Kino aller erster Güte. Von der emotionalen Ebene kann es sich ohne Weiteres mit Darren Aronofskys Requiem for a Dream aufnehmen
Wirklich? Glaub den muss ich mir mal anschauen, klingt jedenfalls sehr viel versprechend.
Den Film will ich schon seit einiger Zeit sehen – deine Review macht mir nun noch mehr Lust drauf
Vergleich mit Requiem… macht die Sache nur noch spannender!