Er sieht all das, was du nicht siehst

Guy Ritchie hat 2009 mit seinem starken Wiedereintritt in die internationale Filmbranche nicht nur seine Karriere erneut beflügelt, sondern sogleich die eines deutlich älteren und wohl genialeren Menschen als er selbst. Sherlock Holmes, womöglich die bekannteste Romanfigur der englischen Literatur, erdacht von Sir Arthur Conan Doyle erlebt derzeit eine unvergleichliche Wiedergeburt. Woher diese stammt? Schwer zu sagen. Einen Menschen mit vollem Durchblick kann in Zeiten von Wikileaks jedoch sicher gut gebraucht werden.


Der Britische Sender BBC gab 2010 eine Miniserie in Auftrag, Sherlock. Die wurde in Großbritannien auch sogleich ein großer Erfolg, im Schnitt verfolgte etwa jeder vierte britische Fernsehzuschauer die gerade einmal drei Ausgaben der ersten Staffel. Die jeweils 90 minütigen Episoden erreichten vor wenigen Wochen auch das deutsche Fernsehen und erwiesen sich ebenfalls als Erfolg, selbst wenn die Zahlen aus England nicht wiederholt werden konnten. Was Kritiker und Zuschauer so verzückt, liegt relativ klar auf der Hand. Dieser Sherlock Holmes lebt nämlich nicht im viktorianischen London.

Die gesamte Serie unterhält für gut viereinhalb Stunden und jede Episode bietet einen eigenen Fall, wobei ersterer tatsächlich ziemlich für sich alleine steht. “A Study in Pink” behandelt eine mysteriöse Selbstmordwelle hinter der – das ist fraglos für Sherlock (Benedict Cumberbatch) – mehr steckt als pure Depression. Überhaupt dient dieser Auftakt dazu, die Charaktere in ihrem ungewohnten Szenario einzuführen. Wie dies erreicht wird, dazu später mehr. Der Meisterdetektiv, der sich im modernen London den eigenen und weltweit einzigen Titel Consulting Detective gegeben hat, bekommt selbstverständlich seine bessere Hälfte Dr. John Watson (Martin Freeman) zur Seite gestellt, der hier aus dem Irak-Krieg zurückkehrt. “The Blind Banker” lässt im Vergleich zur ersten Episode etwas nach, da der Fall weniger in den Bann zieht als der zuvor. Dafür werden die Anzeichen auf ein verbrecherisches Megamind namens Moriarty immer deutlicher. Der frühe Abschluss “The Great Game” bietet ein ähnliches Szenario wie in Die Hard With A Vengeance. In einer vorgegebenen Zeit muss Sherlock Rätsel lösen, um Menschenleben zu retten und Moriarty zeigt sein wahres Gesicht.

Sicherlich bietet die Serie nicht nur neue Ideen, sie ist keine Revolution am Serienhimmel, jedoch hebt sie sich aus der Masse hinaus. Das verdankt sie ihrem gewöhnungsbedürftigen aber genialen Konzept. Die Figuren aus Doyles Büchern werden quasi 1:1 ins 21. Jahrhundert katapultiert. Dabei zeigt sich erst einmal ihre Zeitlosigkeit. Wie leicht man gewisse Ticks und Verhaltensmuster mithilfe neuester Technik ausdrücken kann, macht den gewissen Reiz der Serie aus. Anstatt Pfeife zu rauchen, klebt sich Sherlock Nikotinpflaster an den Arm. Informationen über Todesfälle oder Nachrichten aus Scotland Yard werden nicht mehr durch Zeitungen und Briefen, sondern über Handy und Internet erhalten. Neuartige forensische Mittel in Scotland Yard, sowie motorisierte statt durch Pferde angetriebene Taxis sind dagegen ja schon einfallslos. Die Figuren passen einfach perfekt ins neue London.

Auffallend für die Krimiserie, vielleicht schon töricht provokativ erscheint hingegen die Darstellung des titelgebenden Helden. Sherlock wird als unnahbarer, unberührbarer und fast mitleidloser, tja Roboter dargestellt. Seine Verhaltensmuster bleiben darüber hinaus in allen Folgen gleich. Jeder, der seinen Schlussfolgerungen nicht folgen kann, wird gnadenlos als Vollidiot abgestempelt – das sind im Übrigen ALLE Personen. Watson wird herumkommandiert und sei es, um aus Sherlocks Tasche dessen Handy hervorzuholen. Warum Watson diesem Holmes folgt, ist schwer nachzuvollziehen. Seine Neugier und sein gewisser Drang Gefahr zu verspüren sollen seine Loyalität begründen. Selbst die wenigen leicht emotionalen Momente mit Sherlock machen ihm dem Zuschauer nicht sonderlich sympathischer. Normalerweise sicher der Tod eines Projekts, egal ob Film, Serie oder Literatur. Holmes ist eben ein Mensch, der über uns normalen steht – und das wird dem Zuschauer in jeder erdenklichen Einstellungen vorgespielt.

Schade ist es hingegen darum, dass Sherlock niemanden von seinen Gedanken teilhaben lässt, es sei denn die anderen Charaktere insistieren. Dadurch wird der Zuschauer nie in die Fälle mit eingebunden. Zwar sind deren Auflösungen stets logisch und werden erklärt, sich selbst mit der Lösung des Falls kann man sich aber nie beschäftigen. Das mag nicht für jeden ein Kritikpunkt sein – dann und wann das Publikum einzuweihen, weil es eben gerade passt und nicht zu viel verrät (quasi gar nichts verrät), wirkt dann aber inkonsequent. Immerhin darf/muss Watson im Laufe der Serie selbst Nachforschungen anstellen und wird gnadenlos auf die falschen Fährten geschickt – hier kann sich der Zuschaer deutlich besser integriert fühlen.

Sherlock bietet viele tolle Ideen. Das beginnt mit der Zeitverschiebung der Figuren an und endet bei der wirklich innovativen Einbindung von Internet und sonstigen Textmitteilungen. Diese erscheinen in der Luft. Wenn Holmes oder Watson eine SMS erreicht, dann wird sie in den wenigsten Fällen vorgelesen, sondern erscheint auf dem Bildschirm. Andernfalls muss sich die Serie den Vorwurf gefallen lassen, dass sie sich vieles von Ritchies Film abgeguckt hat. Das Auftreten von Sherlock ist weniger tölpelhaft und draufgängerisch. Seine Analysen, seine Art zu reden, ja selbst sein Geigenspiel – die ähneln Robert Downey jr. extrem. Selbst einige Motive aus Hans Zimmers Score werden hier wiederverwendet. Nun, besser gut geklaut als schlecht selbst gemacht. Wirklich ärgerlich ist hingegen einer der übelsten Cliffhanger der letzten Jahre, mit denen selbst 24-Folgen nicht mithalten können. Der wiegt doppelt schwer, da die zweite Staffel (in gleicher Länge) erst 2012 ausgestrahlt werden soll – hurry up BBC!

7 von 10 (die erste Folge ist genial, danach lässt die Begeisterung langsam aber sich nach und das Ende der kurzen Staffel ist im Grunde eine Frechheit!)

Über Dos Corazones

Ich bin 20 Jahre alt und habe mich in den vergangenen Jahren zu einem echten Filmfan entwickelt. An Filmgeschichte gibt es zwar noch einiges nachzuholen, aber ich arbeite schon dran. Ansonsten bin ich noch Fan vom BVB 09, spiele Gitarre (ein kleines bisschen Bass), Fußball, Computerspiele und fahre auch gerne zum Ausgleich Fahrrad.

5 Antworten »

  1. maloney8032 sagt:

    \o/ yeahh Bilbo…aberi gendwie kommtm ir das vor als wolle man den guten Holmes auf das Level von Doctor who hiefen…naja sind ja beides britische Urgesteine :D

    • Doctor who kenne ich jetzt zwar nicht, deshalb kann ich deine Behauptung nur so im Raum stehen lassen.
      Aber ja, der gute Watson ist als nächstes ein Hobbit :)

  2. Dr. Borstel sagt:

    Auch wenn ich dir insofern zustimme, als dass die erste Folge die stärkste war: Die Faszination bleibt die Staffel hindurch aufrecht, und der Cliffhanger erscheint mir da eine sehr logische und auch gern genommene Konsequenz. Insofern habe ich da mindestens ein-anderthalb Punkte mehr im Auge.

    • Den Cliffhanger finde ich einfach zu mies – auch wenn der Ausgang dieser Situation in Anbetracht 3 neuer Folgen ziemlich klar ist. Dennoch, bei fast 2 Jahren Wartezeit auf die nächste Staffel will ich lieber einen gelösten Konflikt am Ende.

  3. [...] all diejenigen, die mit der ersten Staffel von Sherlock noch gar nicht angefangen haben: Holt die erst nach, lest dann den Text. Nach dem [...]

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