“Ich glaube an den Gott des Gemetzels”

Normalerweise rege ich mich ja gerne über deutsche Filmverleihe auf. Die ändern schnurstracks Filmtitel, übersetzen die Dialoge und synchronisieren sie dann ins Deutsche. Gerade bei dialoglastigen Filmen sollte mich das besonders aufregen. Sollte. Tut es aber glücklicherweise diesmal nicht. Der Gott des Gemetzels ist ein wunderbares Beispiel für die herausragende Arbeit, die deutsche Synchronisation hervorbringen kann, da vergisst man schon fast den Film im Vorwort…

Zwei Ehepaare treffen sich, nachdem ihre Kinder im Park auf dem Spielplatz in ein Handgemenge geraten sind. Auf einmal schlägt Nancys (Kate Winslet) und Alans (Christoph Waltz) Kind mit einem Stock dem anderen ins Gesicht. Zwei Zähne brechen ab, die Eltern werden auf den Plan gerufen. Penelope (Jodie Foster) und Michael (John C. Reilly) laden das andere Paar deshalb zu einem Gespräch zu sich nach Hause ein. Mit der Zeit gerät das Thema des eigentlichen Zusammenkommens zusehends in den Hintergrund und die kleinbürgerlichen Ehepaare offenbaren immer mehr von ihre kruden Ansichten und ihrem unglücklichen Leben.

Ein 80 minütiger Film lädt zum beobachten ein. Mehr als in anderen Filmen wird dem Zuschauer bei diesem Seelenstriptease der voyeuristische Charakter der Kamera bewusst. Le dieu du carnage ist ursprünglich ein französisches Bühnenstück. Diesen Charakter hält auch Regisseur Roman Polanski bei. Beinahe die gesamte Handlung findet in den vier Wänden des New Yorker Wohnung statt. Anders als im Theater bieten sich viele verschiedene Kameraperspektiven perfekt an, um die verschiedenen Gesichter ins Bild zu rücken (oder im Falle von Jodie Foster ihren Hals!)

Besonders herausragend ist aber nicht das Setting, sondern das Drehbuch. Die Dialoge (größtenteils wohl originalgetreu dem Theaterskript entnommen) sind bis ins kleinste Detail perfekt nuanciert. Der teils derbe schwarze Humor läuft stets zu einem neuen Höhepunkt zu, sodass der Zuschauer von einem Appetithäppchen zum anderen geführt wird. Gemeinsam mit dem Schnitt entwickeln die Gespräche eine Dynamik, die einem Actionfilm an Intensität in nichts nachstehen – langweilig wird hier keinem, auch wenn nicht gerade im Hintergrund Chicago in die Luft gesprengt wird.

Nachdem schon die Dialoge über den grünen Klee gelobt wurden, sind nun die Schauspieler dran: Wenn drei Oscar-Preisträger und ein Nominierter zusammenkommen, darf großes erwartet werden. Und selbst die größten Erwartungen werden hier nicht enttäuscht. Christoph Waltz spielt ein kapitalistisches Arschloch, Kate Winslet versteckt sich hinter oberflächlichem Getue, Jodie Foster will unaufhörlich die Welt durch Einzug von Kultur retten und John C. Reilly mimt einen Nihilisten. Solch eine Truppe kann sich nur in den Haaren liegen und so kommt es auch. Eine kotzende Kate Winslet, eine im Heulkrampf steckende Jodie Foster und zu Tode betrübte männliche Darsteller sieht man nicht oft und nur ganz selten alle zusammen. Jeder einzelne Darsteller verdient Auszeichnungen für jede Szene, die sie darstellen – wirklich herausragende Darstellungen.

Schlussendlich bleibt nach 80 Minuten Laufzeit nicht das Gefühl, gerade für alle 10 Minuten einen Euro hingeblättert zu haben, sondern ein Stück von epischer Länge gesichtet zu haben. Diese 80 Minuten Carnage unterhalten auf sehr hohem Niveau, dass es eigentlich schade ist, dass der Saal (gut der Film ist nicht mehr ganz frisch) nur spärlich gefüllt war. Man kann über die Person Roman Polanski sagen und denken, was man will. Vor dem Regisseur Roman Polanski muss man aber den Hut ziehen – dieser Film gehört zu den wenigen echten Höhepunkten des Jahres.

9 von 10 (Unterhaltung(en) auf höchstem Niveau – und 4 Darstelleroscars, mindestens!)

Über Dos Corazones

Ich bin 20 Jahre alt und habe mich in den vergangenen Jahren zu einem echten Filmfan entwickelt. An Filmgeschichte gibt es zwar noch einiges nachzuholen, aber ich arbeite schon dran. Ansonsten bin ich noch Fan vom BVB 09, spiele Gitarre (ein kleines bisschen Bass), Fußball, Computerspiele und fahre auch gerne zum Ausgleich Fahrrad.

2 Antworten »

  1. donpozuelo sagt:

    Naja, ob’s vier Darstelleroscars werden möchte ich bezweifeln. Aber immerhin haben Mrs. Winslet und Mrs. Foster ja schon mal ne Golden Globe Nominierung im Sack. Mal gucken, wie es mit dem Rest wird.

    Ansonsten kann ich dir nur zustimmen. Bei mir gab’s sogar noch 0,5 Punkte mehr ;) Für mich die beste Komödie des Jahres. Einfach nur ein grandioser Film.

  2. [...] Allerdings fehlen mir da Filme wie Melancholia (DK/D/u.a. 2011, R: Lars von Trier) und Carnage (F/D/PL 2011, R: Roman Polanski), die leider überhaupt nicht berücksichtigt wurden – [...]

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