Eiskalte(s) Schweden

Remakes werden ja gerne verteufelt. In einem Zug mit Fortsetzungsreihen und Reboots stehen sie für die Verarmung der Kreativität der Drehbuchschreiber. Etwas leichter haben es immerhin noch Buchadaptionen. Allerdings haben wir es bei TGWTDT sowohl mit ersterem, als auch mit letzterem zu tun. Denn wie es sich für die USA gehört, drehen die ausländische Erfolgsfilme einfach selbst noch einmal.

Zuletzt hatte dieses Schicksal eine andere schwedische Produktion eingeholt. Zwei Jahre nach der schwedischen Buchadaption Lat den rätte komma in, bekam Matt Reeves ein Drehbuch mit genau derselben Story an die Hand gelegt und kurzerhand wurde die Geschichte erneut verfilmt. Immerhin verlagerte man das Geschehen vom skandinavischen in den amerikanischen Norden, doch wirklich viel Neues bot Let Me In dann eben nicht. Der Film war zwar gut gemacht, mit tollen Jungdarstellern besetzt, aber eben unnötig – darauf komme ich noch einmal zurück.

Mikael Blomquist (Daniel Craig) steckt tief in der Patsche. Er lebt getrennt von seiner Frau, entfernt sich zusehends von seiner eigenen Tochter und steckt in einem Rechtsstreit, nachdem er ohne handfeste Beweise Anschuldigungen gegen einen Großindustriellen in seiner Zeitung Millenium veröffentlich hat. Ein Anruf führt ihn in den hohen Norden des Landes auf eine Insel nahe Hengestad zum Millionär Henrik Vanger (Christopher Plummer). Der bittet Mikael, den Mord seiner Nichte Harriet vor 40 Jahren aufzuklären und den Mörder zu finden, den er in seiner eigenen von Nazis verseuchten Sippschaft vermutet. Aus Ermangelung beruflicher Alternativen und massiver Geldsorgen, sowie dem Versprechen handfester Beweise gegen oben genannten Großindustriellen, willigt Mikael ein und kommt bald mithilfe der Hackerin und sozial verkümmerten Lisbeth Salander (Ronney Mara) einer großen und furchtbaren Lösung des Mordfalls auf die Schliche.

Die Handlung dürfte vielen bekannt vorkommen, schließlich schrieb sie bereits der mittlerweile verstorbene Stieg Larsson die Vorlage und Niels Arden Oplev verfilmte die gesamte erschienene “Millenium”-Trilogie. Da böte es sich natürlich an, Vergleiche zwischen Originalbuch, Erstverfilmung und Remake zu ziehen. Allerdings kommt da die Unkenntnis des Romans erschwerend hinzu. Fakt ist, die erste Verfilmung liegt gerade einmal zwei Jahre zurück und wurde zu einem Hit. In manchen Situation sicherlich schwerfällig erzählte Män som hatar kvinnor (Verblendung) eine spannende und wendungsreiche Kriminalgeschichte, die in den Thriller nahtlos überging und machte Nommi Rapace in der Rolle der Lisbeth von einem Tag auf den anderen berühmt. Fakt ist, bei der neuen Verfilmung sitzt kein anderer als David Fincher auf dem Regiestuhl, der mehrfach bewiesen hat, ein gutes Händchen für Thriller zu haben.

TGWTDT spielt ebenfalls in Schweden und wurde dort auch zu großen Teilen gedreht, dadurch ähneln sich die Orte beider Filme doch sehr. Dem Effekt des “hab-ich-doch-alles-schon-gesehen” beugt Fincher jedoch auf einfachste Art und Weise vor. Er verleiht seinen Bildern seinen eigenen Stil. Dreckig, trist, kalt. Fincher wandert auf ähnlichen Pfaden wie einst bei Se7en, zumindest was die Gestaltung und Farbgebung des Films angeht. Seine Optik und sein Stil bleiben omnipräsent – dennoch: Die Geschichte ist einfach noch zu vertraut.

Zwar erzählt der Film die Geschichte erneut spannend und sogar etwas zügiger als noch das schwedische Pendant, doch fehlt letztlich der Kick. Zudem wurde gewaltig an der Rolle der Lisbeth geschraubt. Ronney Rapace hat sich für ihre Rolle sogar Piercinge stechen lassen (u.a. durch die Brustwarze) und spielt damit aufopferungsvoll in einer Liga mit Noomi Rapace. Doch steht sie über die gesamt Dauer von nicht weniger als 158 Minuten klar hinter Mikael – was angesichts des Originaltitels verwundert. Ihre Schlüsselszenen (u.a. Vergewaltigungen und Racheakt) sind nahezu 1:1 übernommen, da schenken sich beide Filme nichts. Im Zusammenspiel mit Daniel Craig als Mikael ordnet sie sich ihm aber klar unter und geht damit nicht mehr ihren eigenen Weg, sondern erfüllt Mikael Aufträge. Rapace Lisbeth war insgesamt rauer, griffiger und tiefer gestaltet. Denn bei den Charakteren geht Fincher Hollywood-typisch vor. Ein, zwei Szenen erklären den Charakter der Hauptfiguren, das schwedische Original nahm sich da (gefühlt) mehr Zeit.

The Girl With the Dragon Tattoo (um den langen Titel wenigstens ein Mal im Text ausgeschrieben zu haben) ist ein ziemlich guter Film geworden. Bereits der Trailer (einer der besten der letzten Jahre) ließ auf eine modern zügige Narration schließen – der Film erfüllt diese Vermutung. Der Cast ist hervorragend: Christopher Plummer, Stellan Skarsgård, Daniel Craig (womöglich etwas fehlbesetzt) und Ronney Mara (nicht auf demselben Niveau wie Rapace) bieten insgesamt vier weitere für den Film sprechende Gründe neben dem Regisseur. Um den oben erwähnten Gedanken erneut aufzugreifen: Der Film ist gut, sehr gut, wenn man ihn alleine betrachtet. Allerdings ist er auch unnötig. Bis auf den finanziellen Aspekt gibt es keine Motivation für das Remake, das es dem Stoff nichts weiter hinzuzufügen hat, was der schwedische Film nicht bot.

8 von 10 (nahezu perfekt inszenierter Thriller für Nichtkenner des schwedischen Films – mit genialen Opening Credits)

Über Dos Corazones

Ich bin 20 Jahre alt und habe mich in den vergangenen Jahren zu einem echten Filmfan entwickelt. An Filmgeschichte gibt es zwar noch einiges nachzuholen, aber ich arbeite schon dran. Ansonsten bin ich noch Fan vom BVB 09, spiele Gitarre (ein kleines bisschen Bass), Fußball, Computerspiele und fahre auch gerne zum Ausgleich Fahrrad.

4 Antworten »

  1. Xander sagt:

    Im ersten Moment dachte ich noch “TGWTDT? Ist das sowas wie DSDS oder USFB?” – aber dann wusste ich worums geht ;-)

    Kann deine Kritik so unterschreiben, seh ich genauso, wenn es auch einen Punkt mehr bei mir gab.

  2. donpozuelo sagt:

    “TGWTDT”… endlich mal was, wo ich den deutschen Titel fast vorziehe ;)

    Ansonsten gebe ich dir vollkommen Recht. Bei mir fiel die Bewertung natürlich nur ein wenig mieser aus (ein Punkt weniger), weil ich das schwedische Original zum Vergleich hatte und mir das doch um einiges besser gefallen hatte. (Auch wenn es keinen so dermaßen coolen Titelsong hat)

  3. @Xander: Meine Absicht war es nicht meine Leser zu verwirren, aber ich wollte den Text nicht noch künstlich in die Länge ziehen :D
    @don: Ich gebe dir auch Recht. Bei mir war das schwedische Original eben nicht mehr so ganz präsent, was vielleicht auch ganz gut war. Ansonsten hätte ich höchstwahrscheinlich mehr auf Gemeinsamkeiten geachtet.

  4. [...] Kinos angelaufen sind. The Girl With the Dragon Tattoo habe ich bereits gesehen und ihr könnt ja hier nachlesen, was ich vom frühen Remake des schwedischen Bestsellers halte. Wie schon mehrfach [...]

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