Hasserfüllt
Das dritte Reich hängt doch mittlerweile jedem zum Halse raus. In der Schule wird man wöchentlich mit der gewiss furchtbaren Vergangenheit konfrontiert, Videospiele jagen die Spieler immer wieder von Stalingrad zur Normandie und deutsche Filme schlagen liebend gerne in eine ähnliche Kerbe. Mal mehr, mal weniger will man uns belehren, aber Neo-Nazis klammert man da gerne aus.
Marisa (Alina Levshin) ist 20, lebt gemeinsam mit ihrer Mutter in einem Altbau in einer ostdeutschen Kleinstadt. Sie arbeitet im Supermarkt ihrer Mutter und hat einen Freund, von dem sie sich bald ein Kind wünscht. Auf die Frage, ob ihre Mutter sie nicht als eine gute Mutter vorstellen kann, gibt es bloß den Kommentar: “Es gibt ja nicht viel, was du richtig kannst.”
Marisa ist 20, trägt Tops mit der Aufschrift Nazibraut. Auf ihrer Brust ist ein Hakenkreuz tätowiert. Mit ihrer Gruppe pöbelt sie in Regionalzügen Ausländer und Immigranten an, schlagen sie zusammen. Ihr Freund sitzt im Gefängnis und der einzige Vertraute, ihr Großvater liegt im Sterben. Der einzige Mensch, zu dem sie sich wirklich hingezogen fühlt, der sie als “meine Kriegerin” aufzog und ihr ein Trugbild der Juden von Klein auf beibrachte.
Als sie wutentbrannt zwei Pakistanis auf ihrem Roller mit ihrem alten VW rammt und schwerverletzt zurücklässt, ändert sich ihr Leben in der rechtsradikalen Szene schlagartig. Denn einer der beiden, Rasul (Sayed Ahmad), taucht wenige Tage später an der Kasse bei Marisa auf, er hat kein Geld, braucht Essen und flüchtet vor dem Sozialamt, das ihn in ein Jugendheim stecken will. Er bittet Marisa um Hilfe, um zu seinen Verwandten nach Schweden zu gelangen. Aus Schuldgefühlen hilft sie ihm und gewährt ihm sogar Obdach. Eine Eskalation ist da praktisch vorprogrammiert. Gleichzeitig kommt die 15-jährige Svenja (Jella Haase) mit der rechten Szene in Berührung. Aus Protest und Frust über ihren Stiefvater findet sie in der Clique Gleichgesinnte – die Rebellion der Teenagerin beginnt gerade erst.
Kriegerin ist sogleich Spielfilmdebüt und Diplomfilm von Regisseur David Wnendt. Mit unerschrockener Härte werden hier Gewalttaten, Nazi-Gebärden, Propagandafilme und rechtsextreme Musik präsentiert. Dabei muss man Wnendt zu Gute halten, dass er die Thematik nicht ins Lächerliche zu ziehen versucht, wie es bereits Leroy versuchte. Diese Neo-Nazis sind keine Vollidioten. Es sind fehlgeleitete, hasserfüllte junge Menschen, die sich vom Staat vernachlässigt fühlen. Sie leben in mehr als renovierungsbedürftigen Wohnungen, haben keine Perspektive und nur sich und ihren Hass gegen alle anderen.
Wnendt hat jahrelang in der rechten Szene recherchiert und überlässt einzig und allein dem Zuschauer, über das Dargestellte zu urteilen. Die Kamera geht mal auf Distanz, wenn die Gewalt ausbricht, aber insgesamt verläuft der Film doch ohne Bewertung der Szene. Überhaupt ist es ein mutiges Projekt – nicht zuletzt durch die Nazi-Terrorzelle auch brandaktuell. Deutsche Filmemacher trauen sich endlich, sich Tabuthemen zuzuwenden. Die Thematik ist letztlich auch das herausragende Argument für Kriegerin. Denn filmtechnisch gesehen wird nicht großartig rumexperimentiert, wenngleich einige Bilder sehr schön eingefangen wurde.
Wirklich herausragend ist Newcomerin Alina Levshin. Zerbrechlich und zugleich unnahbar spielt sie Marisa. So wird sie trotz der unüberbrückbaren Diskrepanz unserer Einstellungen zu ihrer politischen Haltung und ihres Verhaltens doch zur Sympathieträgerin des Films. Dabei wird nicht einmal wirklich geklärt, warum sie sich überhaupt in die rechte Szene bewegt hat, mal abgesehen von der Einstellung ihres Großvaters, der immer noch die Parolen der Nazis hochhält.
Kriegerin ist ein mutiger, neuer deutscher Film, der zeigt, dass er mehr zu bieten hat, als Til Schweiger-Komödien und Eventmovies im Fernsehen. Solche ruhigen Filme, die nicht mit dem Holzhammer auf uns einprügeln, sondern unterschwellig zum Nachdenken anregen, wünscht man sich mehr im deutschen Kino. Vielleicht ist mit Wnendt nun ja ein Regisseur aufgetaucht, der diese Bewegung fortführen kann – Ich wäre froh darüber.
8 von 10 (der mutigste deutsche Film der letzten Jahre)

