Es war mal wieder Zeit, ins Kino zu gehen und sich nicht mit einer deutschen Synchro plagen. Nun gut, My Week With Marilyn war in dieser Hinsicht keine Qual (obwohl er auf Englisch sicher einen weiteren Kontrast zwischen Hollywood-Diva und englischen Hochkultur-Theater-Schauspieler herausgearbeitet hätte.) Dieses Mal aber lockten mich Superkräfte ins Kino.
Andrew (Dane DeHaan) darf sich im Grunde hinter Peter Parker oder Dave Lizewski einreihen, mit dem Unterschied, dass seine Situation zu Hause und in der Highschool deutlich düsterer und realistischer daherkommt. Seine Mutter ist todkrank, sein Vater trinkt maßlos und ganz abgesehen vom Geld fehlt es im Haus an Liebe und Verständnis. Das alles will Andrew mit einer Kamera dokumentieren und das ist unser Glücksfall. Denn so werden auch wir Zeuge eines übernatürlichen Schauspiels. Gemeinsam mit seinem Cousin Matt (Alex Russell) und Highschool-Superstar Steve (Michael B. Jordan) klettert Andrew in ein Erdloch, in dem eine unbekannte Kraft lodert. Nach dieser Begegnung entdecken die drei telekinetische Kräfte an sich, leisten sich Scherze und vor allem entwickelt sich eine Freundschaft. Doch mit steigender Kraft, verliert Andrew allmählich die Kontrolle über seine Wut.
Der Trailer machte es sicher schon einigermaßen deutlich: Es handelt sich bei Chronicle nicht um einen normalen Superheldenfilm der letzten Jahre. Sicher gab es mit Kick-Ass schon einen parodistischen Versuch, der letztlich jedoch in seinen eigenen Klischees zusammenfiel. Die kleinere Produktion Super legte den Superhelden schon eher das Handwerk. Doch Chronicle will nicht lustig oder gar satirisch auf die Superhelden abzielen: Die Kraft dient einfach als unerwartete Wendung in einem Leben eines ganz normalen Teenagers, dem sonst nichts in den Schoß fällt. So kann man Chronicle durchaus mehr als Drama oder Charakterstudie definieren.
Ebenso wenig, wie der Gedanke hinter der eigentlichen Geschichte nichts wirklich Neues präsentiert, gelingt es Debütant Josh Trank mit einer weiteren, ebenfalls nicht neuen Technik, dem Film eine ziemlich innovative Note zu verleihen. Wie schon erwähnt, Andrew besitzt eine Kamera (die für seinen Lebensstandard vollkommen überdimensioniert ausfällt) und tatsächlich entsteht so der gesamte Film aus Found-Footage Einstellungen. Das tolle dabei ist: Wir sehen (bis auf eine Szene), wo die Kameras sich befinden. Ob das nun in der Anfangseinstellung ein Spiegel oder Überwachungskameras sind – der Film impliziert, dass alles so tatsächlich zusammengeschnitten sein könnte.
Gerade im Finale wird diese Prämisse eigentlich zu einer Krux: Plötzlich werden Smartphones eingespeist und ohne wirkliche Motivation in genau die richtige Position gelenkt (Telekinese macht schließlich auch Kamerafahrten möglich) – oder in lebensbedrohlichen Situationen bleibt die Kamera immer im Bilde. Nun ja, das sind kleinere Kritikpunkte. Viel interessanter (und deutlich besser) erweist sich die Arbeit des Editors Elliot Greenberg als tadellos. Ob das nun gewollte und bei Found-Footage durchaus passende jump-cuts sind oder wirklich genaues continuity-editing (immer wieder bei Schuss-Gegenschuss an den Kameras toll zu beobachten) – da passt einfach alles.
Bei dem relativ geringen Budget überrascht vor allem die Abteilung der Spezialeffekte. Das Herumgefliege von Legosteinen, bis hin zu Autos oder den eigenen Personen wirkt nicht übertrieben durch Computer eingefügt (nur selten wird ein Greenscreen offensichtlich erkannt). Allerdings – so hat man das Gefühl – will man dem Publikum für die 70 Minuten Drama doch noch etwas bieten. So entpuppt sich das Finale als zwar cool inszenierte, aber wenig in den Zusammenhang passende Materialschlacht. Hier wäre weniger sicher mehr gewesen.
7 von 10 (gelungene Abwechslung im Superhelden-Gefilde)

Hmmm…du bist der erste der nicht die volle Punktzahl vergibt ^^
Dazu sah und sehe ich immer noch keinen Grund – zumindest nicht für mich. Dabei sind 7 Punkte noch immer ein klare Empfehlung.
“die für seinen Lebensstandard vollkommen überdimensioniert ausfällt”… Die Kamera ist ein absolut altes Teil, das mittlerweile niemand mehr anfassen würde und die es höchstwahrscheinlich billiger gibt als die nette kleine Sony HD, die später genutzt wird
Zum Film: Wie gesagt, fand ich absolut super. Schön auch zu sehen, dass Found Footage nicht immer komplett scheiße sein muss und dass man nicht alles schon im Trailer gesehen hat.
Ok, sehe ich ein. Und die neue Kamera kauft er sich nicht selbst, habe ich eben zu meinem eigenen Schrecken festgestellt. Nun gut, auch ich mache einmal (*hust*) Fehler.
Jepp, fand den Film auch gelungen, das mit den fliegenden Kameras fand ich eigentlich eher gut, dann musste man sich nicht immer mit einer Perspektive rumärgern. Was bei einem Horrorfilm wie “Blair Witch” noch funktioniert, wäre hier fehl am Platz gewesen.
Ja schon klar, das ist natürlich der filmtechnische Hintergedanke dahinter. Es macht aber im diegetischen Raum einfach keinen Sinn, weshalb Andrew Smartphones und andere Kameras um sich versammeln sollte.