Gleich einmal vorweg: Nehmt den Titel mal nicht zu ernst – während des Filmes werdet ihr euer verfrühtes Ableben nun wirklich nicht herbeisehnen. In der Tat entpuppt sich die belgische Produktion als eine der fiesesten schwarzen Komödien der letzten Jahre. Wie in Intouchable und 50/50 werden ernste Töne angeschlagen und konsequent thematisch zerlegt – ein wahrer Geheimtipp.
Irgendwo in Belgien hat Dr. Krueger (Aurélien Recoing) ein spezielles Spital eröffnet. Seine Patienten sind nicht unbedingt krank und dennoch ist die Todesrate bei nahezu 100 Prozent. Diese Zahlen würden die meisten Menschen wahrscheinlich abschrecken, doch ist es gerade diese zuverlässige Aussage der Hauptgrund für Kruegers Patienten, nach Belgien zu reisen. In der Klinik bietet der Docteur den medizinisch begleiteten Suizid an. Die Patienten bewerben sich via Videos und bezahlen nicht schlecht für den Service. Allerdings wird das Klinikum in der näheren Umgebung mit Argwohn wahrgenommen und als ein Feuer ausbricht, beginnt ein wahrer Krieg gegen die Kittel tragenden Mörder.
Kill Me Please beginnt verstörend: Zuallererst fällt die Tristesse sofort ins Auge. Der Film ist in schwarz-weiß, was selten als Stilmittel so gut thematisch passt und tatsächlich noch auf echten Filmrollen aufgenommen. Eine verwackelte Projektion mit allerhand Bildfehlern ist garantiert. So gut es den Kern der Geschichte unterstützen mag, so klar ist natürlich auch: Dieser Stil ist zuvorderst notgedrungen. Denn der Film ist im wahrsten Sinne Independent – mit verschwindend geringem Budget und einer simplen großartigen Idee ausgestattet.
Dramaturgisch gelingt der Einstieg noch besser als die visuellen Merkmale es könnten: Ein Patient sitzt in einem therapeutischen Gespräch mit Dr. Krueger. Er wolle sterben, da er unheilbaren Krebs im Endstadium habe – alles nur pure Fantasie und Mittel zum Zweck. Der Mann ist kerngesund, doch des Lebens müde. Als er seinen Tod erwartet, kommt ihm Krueger auf die Schliche und verweigert die “Behandlung”. Der Mann findet sich damit nicht ab, schließt sich im Bad ein und schlitzt sich die Pulsadern auf. Jede Hilfe kommt zu spät. Krueger ist am Boden zerstört: Diesem barbarischen Akt des Suizids wollte er mit seiner Klinik ein Ende setzen.
Wenn man diese Szene geschildert liest oder sieht, mag sie schon bedrückend wirken. Ja, traurig. Aber nun darf man tatsächlich einmal nicht die Fakten um die Filmschaffenden des Projekts zitieren. Regisseur Olias Barco stand nach seinem Debut Snowboarder von 2003 selbst vorm Selbstmord. Freunde konnten ihn erreichen und er verarbeitete seine Gedanken in diesem Film: Der Patient, von dem ich eben sprach, ist eben dieser Olias Barco, der sich in dieser unseren Welt nicht mehr zurechtfindet. Dieser selbstmordgetriebene Barco nimmt sich das Leben, danach beginnt der Film mit der eigentlichen Handlung. Barco setzt sich somit einen filmischen Meilenstein – der Punkt, an dem er seine tiefe Depression überwindet.
Aber handelt es sich bei diesem Film nicht um eine schwarze Komödie? Nun, ja. Wie gesagt, Kill Me Please hat sehr intensive tragische Szenen. Oftmals stehen die in direkter Verbindung zu den übrigen Patienten. Eine Sängerin hat nach ihrem Kehlkopfkrebs ihre Stimme für immer verloren. Ihr Lebensinhalt ist erloschen. Eine andere junge Frau leidet an einer seltenen Krankheit, die nur durch regelmäßige Injektionen eingedämmt werden kann. Ihr Körper ist übersät mit Nadelstichen. Diese beiden Beispiele zeigen die wahre Tragik, die in dem Film steckt.
Aber Barco kann auch anders: So ist ein Patient in Kruegers Spital, weil er seine Frau bei einem Pokerspiel(!!) verloren hat. Absurder geht’s nimmer. Und wenn ein andere Patient mit Paintballausrüstung gegen bewaffnete Angreifer antritt, weiß man gar nicht, ob man darüber lachen oder den Kopf schütteln soll. Ersteres war bei mir der Fall. Überraschenderweise patzt Barco zu keinem Zeitpunkt des Drahtseilakts zwischen Tragik und Absurden. Ein so ausgeglichenes Drehbuch kam mir bisher selten in einem Film vor Augen.
Kill Me Please ist so gar nicht massentaugliches Kino. Der Franzose Barco musste nach Belgien reisen, um sein Projekt in die Tat umzusetzen und in Frankreich hat man nun wahrlich nicht die schlechtesten Mittel für die Filmproduktion vorzuweisen. Nun erreicht der Film zwei Jahre später auch die Programmkinos Deutschlands. Am 17. Mai ist Bundesstart. Diesem frankophonen Kleinod sollte man sich offen zeigen. So gut ist Kino nur ganz selten.
9 von 10

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